Basler Zeitung, 11. Sept. 2009
Zu "Chris Crocker – Erfinde dich neu", Kaserne
Das Kollektiv um The Bianca Story hat mit der Uraufführung der Elektro-Oper einen verstörenden Sinnesrausch kreiert.
Dieser Bildersturm überfordert, und hinterlässt einen Brummschädel. Nicht, weil "Chris Crocker" nicht gut wäre. Im Gegenteil: Die Show ist auf einem sehr hohen Level und zeugt von einer erstaunlichen Kreativität. Vielleicht ist die Zeit schlicht noch nicht reif für diese Art von post-modernem Gesamtkunstwerk. Für diese so betörende wie betäubende Kunst der Verstörung.
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Welch ein Unterschied. Und dabei doch auch: welche Kongruenz. Die zwei Premieren, die das Treibstoff-Theaterfestival eröffneten, sind wie Tag und Nacht. Wo die erste sich übernimmt, findet die andere zu grosser eigenständiger Qualität. Was sie allerdings verbindet, ist ihr Thema und die Struktur der theatralen Umsetzung.
Inhaltlich geht es um grosse Fragen. Wer bin ich? Das, was von mir sichtbar ist? Und was hält mich zusammen? Ist es meine Haut? Beide Aufführungen gehen von Fragen wie diesen aus, und beide bedienen sich dabei ausgiebiger musikalischer Mittel. Sie leben von Lifemusik, sind laut, schnell und kompakt, und beide zitieren und pushen sich durch Showelemente. Damit hören die Gemeinsamkeiten jedoch auf. "Chris Crocker – Erfinde dich neu" erzählt von einem (vielleicht wirklich existierenden) US-Medienstar, der sich über Internet-Kanäle wie Youtube in den Hirnen und Herzen Tausender Fans festgesetzt hat. Wir sehen vier davon, wie sie exentrisch von ihm schwärmen. Dann sehen wir ihn selbst, zunächst als übergrosses Bildschirm-Face, dann "real" auf der Showtreppe. Wir hören, wie die Fans von seinem Auftritt enttäuscht sind und sich von ihm abwenden, ebenso wie seine Frau, eine monroeblonde Sängerin.
Patrick Gusset und sein Team setzen in "Othello. Ich bin nicht, wa ich bin." die szenischen Möglichkeiten differenziert ein. Und funktional. Denn Antrieb, Kern und Herz der Aufführung ist Patrick Gusset selbst, der schweizerisch-jamaikanische Musiker und Schauspieler und sein Problem mit der Indentität, das sehr konkret ist. Gusset ist dabei Othello und Jago zugleich, und fragt sich unablässig, was er wäre, hätte er eine andere Haut. Originell und sprechend sind die Bühnenmittel eingesetzt; die Videoeinspielungen und musikalischen Nummern antworten den Spielpassagen, vertiefen sie, und sind doch stark und berührend wie die Aufführung durch ihren Protagonisten. Gusset ist ihr ebenso wirbliges wie nachdenkliches Zentrum, ein wunderbarer Künstler, glaubhaft, präsent bis in die Fingerspitzen.
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Mit der Elektro-Oper "Chris Crocker – Erfinde dich neu" eröffnen die Treibstoff-Theatertage mit einer fulminanten Premiere, Rock-Oper war gestern, heute heissen solche musikalischen Gesamtkunstwerke Elektronik Opern. Noch immer geht es um Aufstieg und Fall, um Liebe und Enttäuschung. Nur alles rasend schnell: Keine anderthalb Stunden braucht die Inszenierung für all das. Tanz, Chor, ausgefallene Kostüme und Video-Installationen, die Macher von Chris Crocker bedienen sich aller Mittel, die ihnen für das zeitgenössische Operngenre zur Verfügung stehen.
Den Star als Summe eigener und fremder Projektionen gab es schon immer. Die Halbwertszeit der Ikonen im Internet-Zeitalter ist kürzer geworden, bei jedem Hype ist sein Ende schon absehbar. So ist die Elektro-Oper ein dicht gepacktes, kunterbuntes Spektakel aus Funk, Rock und Elektronikmusik. Ein Sturm aus Bildern und Effekten, aus Tönen, Beats und dazwischen Fabian Chiquet, Chris Crocker, der zu alltäglich scheint, um als Ikone bestehen zu können.
Un plötzlich ist sie da, die Entschleunigung, wenn Anna Waibel als seine Freundlin, in Marylin-Manier, die Treppe hinunterschreitet und vom Ende der Liebe singt, keine Reizüberfluting mehr, kein Spielen auf mehreren Ebenen. Nur die beiden, denen die Liebe abhanden gekommen ist. Und die Pausen, fast unerträgliche Pausen, die es auszuhalten gilt. Doch der Drive beginnt wieder, die Geschwindigkeit reisst die Fans wieder mit und Chris Crocker inszeniert sich neu. "Chris Crocker – Erfinde dich neu" ist ein fulminantes, überquellendes Feuerwerk der Ruhelosigkeit, mit überzeugenden Darstellern und einer grandiosen Bühnentechnik.
Der zweite Teil des Premieren-Marathonabends fand im Roxy seine Fortsetzung. Patrick Gusset thematisiert Shakespeares Othello neu. "Ich bin nicht, was ich bin." Eben Schweizer und Schwarzer. Aussen schwarz und innen weiss. Oder umgekehrt. Auch das zweite Stück des Abends fragt nach der Identität. Die One-man-Show mit Bandbegleitung ist ganz auf Gusset zugeschnitten. Temporeich, abwechslungsreich mit einem alles überstrahlenden Patrick Gusset als Mittelpunkt.
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Es regnet tote Fische auf die Bühne – die Fische der Katastrophe von Schweizerhalle am 1. November 1986. – Sie ist der Ausgangspunkt von "Tri Tri Tripli". Der Brand von Schweizerhalle löst ein assoziatives Spiel mit unterschiedlichen Elementen aus. Jann Hortsmann berichtet von einer (fiktiven) "Tatort"-Folge, es geht um Killerpflanzen und LSD, Andreas Baader und Bernnward Vesper treten auf. Die Perspektive wechselt fast von Minute zu Minute. Jörg Albrecht hat den Text geschrieben, eine sprachverliebte Diskurswalze ohne Punkt und Komma, die den Zuhörer gnadenlos überfordert und den ausgezeichneten Darstellern (nebst den Erwähnten Silvia Medina und Sebastian Thiers) ein Höchstmass an Konzentration und Sprachbeherrschung abverlangt.
Das ist Theater der Zapping-Generation, ein Theater der Postmoderne, das darauf verzichtet, Zusammenhänge herzustellen, ein Theater, wo alles – Elemente der Realität und der Fiktion – gleich verfügbar und letztlich gleichwertig sind.
Auch "Imitation of Life" von Boris Nikitin spielt mit Wirklichkeit und Fiktion. Zunächst ist die Bühne leer; die beiden Darsteller Beatrice Fleischlin und Malte Scholz treten vor das Publikum, um eine Einführung in das folgende Stück zu geben und sich selbst vorzustellen. Natürlich gehört die Einleitung bereits zur Aufführung und sie erhält eine zusäzliche Ebene, wenn Scholz nicht sein Leben erzählt, sondern vorführt, wie er in Niktins früherer Produktion sein Leben erzählt habe. Subtil zeigt uns die Aufführung so die Entstehung von Theater. Später werden die Darsteller Musik und Licht einbeziehen und aus dem Mobiliar ihr Bühnenbild bauen. Zunächst servieren sie uns aber Episoden aus ihrem Leben – und flunkern dabei ganz schön. Doch sie sind begnadete Erzähler und wir hören ihnen gerne zu. Nikitin gibt dem Spiel der beiden Raum und Zeit. Der junge Basler ist überhaupt eine erstaunliche Regiebegabung, intelligent und mit einem ausgeprägten Bühneninstinkt. Ihm gelingen Momente von magischer Schönheit. Wenn er Fleischlin im Playback den "Tennessee-Waltz" singen und Scholz dazu puppenhaft unbeholfen tanzen lässt, ist das Publikum so gebannt, dass es beim Aufdimmen des Lichts nicht zu applaudieren wagt.
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Ein Roadmovie fürs Theater zu adaptieren, ist per se keine leichte Aufgabe – erst recht nicht, wenn es sich dabei um David Lynchs Kultstreifen "Wild at Heart" handelt. Daher darf man dem 27-jährigen Michael Koch zu seiner ersten Regiearbeit fürs Theater von Herzen gratulieren. Verdichtet auf den Kern der Geschichte – wirkt "Wilde Herzen" angenehm entschlackt. Die Inszenierung scheint so geradezu geschaffen für das moderne Regietheater, beinhaltet die Story doch reichlich Zündstoff in Form von Sex, Suff und Schlägereien.
Hier verkehren sich die Vorzüge der Verdichtung allerdings bald wieder in ihr Gegenteil: Denn es wird in diesem ansonsten kurzweiligen Stück schlicht zuviel gevögelt und geschrien. So bekommt man beinahe Mitleid, wenn sich der von Maximilian Brauer grossartig gespielte Sailor zum x-ten mal nackt ausziehen oder in einen Stuhl treten muss. Weil Lynchs Panoptikum an schrägen Vögeln so stark gestutzt wurde, fällt ausserdem deren eindimensionaler Charakter plötzlich ins Gewicht: Setzen Yves Wüthrich und Endre Holéczy sich in ihren Kurzauftritten als unglücklicher Lover Mariettas und Fiesling Bobby Peru noch gekonnt in Szene, darf Lula nur selten mehr sein als ein quietschendes Playboy-Bunny.
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Es ist eine Geschichte von Liebe und Abhängigkeit, vom Wunsch nach einem glücklichen, souveränen Leben und davon, wie man als Jugendlicher, der erwachsen wird, von der Wirklichkeit eingeholt wird. Es ist eine desillusionierende Geschichte.
Michael Koch, der Regisseur, sieht darin vor allem aber auch die kläglich-komische Geschichte williger Anpassung und Rollenhörigkeit. Er lässt Barry Giffords Roman, den ihm Simon Froehling für die Bühne eingerichtet hat, mit klischeehaft deutlichen Amerika-Requisiten und sexistischen Kostümierungen breit ausspielen. Die Figuren haben viel von Karikaturen. Ihr gestisches Inventar ist einfach, das Spiel brachial lustvoll, und Wiederholung, Vergrösserng und naiv-schamloses Ausstellen sind die Darstellungsprizipien.
Grandios ist Chantal Le Moign als Marietta, Lulas Mutter, die ihrer Tochter den Liebestraum nicht gönnt, weil sie ihn sich in ihrer Jugend selbst versagte, und dabei nicht zurückschreckt, einen Killer anzuheuern. Hansjörg Müller, der Santos als äusserlich müden alten Cowboy spielt, ist ihr gewachsen: die beiden belauern und begeifern sich in ihrer besten Szene wie Raubtiere.
Maximilian Brauer als flippig aggressiver Sailor bleibt viel zu sehr in seine (grossen) darstellerischen Mittel verliebt; und Lula (Maryam Zaree) ist körperlich zwar stets nervig präsent, aber kaum zu verstehen und allzu naiv.
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Mit einem überraschenden, schönen Bild beginnt "Vorläufig Ausnahme", welche die Gruppe "Meetroy und Burckhardt" im Birsfelder Roxy erarbeitet hat. "Meetroy und Burckhardt" sind zwei Baslerinnen, die Regisseurin Livia Schoeler und die Autorin Barbara Burckhardt. "Eine museal-musikalische Revue im Ausstellungskasten" heisst der Abend im Untertitel. Er kreist um den Wunsch, Dinge zu bewahren und um die Sehnsucht nach etwas Bleibendem. Burckhardt hat dafür einen ihrer fragmentarischen Texte geschrieben, deren konzise Szenen sich im Kopf des Betrachters zu Bruckstücken einer Geschichte zusammenfügen. Burckhardt ist eine genaue Beobachterin. Sprachlich präzis und mit sanftem Witz treibt sie die Realität in eine Überhöhung, die sie erst recht kenntlich macht. Dazu passt das Bühnenbild: Hinter dem Ledersofa in einer Ecke versprechen gleich fünf Stehlampen traute Gemütlichkeit. Glaskuben in unterschiedlichen Grössen gliedern die übrige Spielfläche.
Zum privaten Szenenstrang kommt ein gesellschaftlicher, unter anderem mit einem grotesken Entlassungsgespräch zwischen Robert und einer Mitarbeiterin, die sich hartnäckig weigert, die Konsequenzen des wirtschaftlichen Wandels zu tragen. Endgültige Sicherheit, erkennt Irene in der Leiche ihrer Grossmutter, gibt letztlich nur der Tod. Schoeler hat mit leichter Hand inszeniert. Das Darstellertrio agiert facettenreich und serviert den Text mit feinem Witz.
Die letzte der sieben "Treibstoff"-Produktionen ist die einzige, die ein fremdes Stück auf die Bühne bringt. Die Regisseurin Charlotte von Bausznern hat "Revolver-Traum" von Lola Arias inszeniert. Es setzt nach einem One-Night-Stand am frühen Morgen ein. Eine Sechzehnjährige hat sich in einer Bar an einen um einiges älteren Mann herangemacht und sich in sein Bett mitnehmen lassen. Nun versuchen beide, den Menschen zu fassen, auf den sie sich eingelassen haben. Die Regie und die beiden soliden Darsteller (Esther Becker und Christian Kerepeszki) setzen die Vorlage brav um. Faszinierend ist allerdings der Raum von Peter Meier. Zwei schräge spiegelnde Wände verhindern zunächst den Blick auf das Spielpodest; sobald dahinter Licht aufscheint, werden sie durchlässig. Auch hinter der Bühne und an der Seitenwand hat er Spiegel montiert, sodass sich reizvolle Doppelungen und Vervielfätigungen ergeben.
Etwas bieder endet so die diesjährige Ausgabe von "Treibstoff", die insgesamt aber anregende Abende und einige Entdeckungen gebracht hat.
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