Voranzeige zu „Treibstoff 04“
Treibstoff will explizit neue Initiativen aufbauen helfen. „Mit Abwarten, bis sich eine viel versprechende freie Gruppe mit einem viel versprechenden Projekt bei mir meldet, ist es nicht getan“, sagt Christoph Meury. „Die freie Szene besteht nur noch vereinzelt aus festen Gruppen, sie setzt sich mehr und mehr aus professionellen Einzelfiguren zusammen, die sich von Fall zu Fall zusammentun. Hier möchte das Modell Plattform ansetzen, indem es diese „frei schwebenden Zellen“, wie Meury sie nennt, dazu anregt, sich zu einem förderungswürdigen Projekt zusammen zu schliessen.
Bericht zu „Charlotte sagt: fliegen“ und „Zweilagig“
Die beiden Stück des Doppelabends ergänzen sich ausgezeichnet. Beide stammen von Autorinnen Mitte Zwanzig und drehen sich um die Befindlichkeit ihrer Generation. Das Private steht im Vordergrund: Liebeslust und Liebeskummer, die Auseinandersetzung mit den Eltern, Sehnsucht nach einer festen Beziehung, Panik vor der Einsamkeit und die langsam wachsende Erkenntnis, dass das Leben die Versprechungen nicht einhält, die man sich von ihm gemacht hat.
Komplexer ist „Charlotte sagt: fliegen“ gebaut. Tine Rahel Völckers Stück ist zwar noch unfertig, doch die Qualität des Textes hat die Treibstoff-Jury zu Recht bewogen, es in die Werkschau aufzunehmen.
Die Regisseurin Tatjana Mischke liess in Andeutungen agieren. Die Sprecher Theresa Hübchen, Marc Zwinz und Sebastian Feicht erfüllten den Text mit grosser Intensität. Man hörte ihnen eine Stunde lang gebannt zu.
Bericht zu „Dansen“
Bei den „Treibstoff“-Tagen 04 zeigt die junge Regisseurin Antje Thoms ihre Inszenierung von Bert Brechts fast unbekanntem Einakter „Dansen“. Das Publikum erlebte einen leichten und höchst intelligenten Abend.
Antje Thoms Inszenierung findet eine gute Balance zwischen Scherz und Ernst, zwischen ironischen Gags und komischen Intermezzi einerseits und der Konzentration auf das Wesentliche. Die Einbrüche des Fremden beispielsweise hat die Videospezialistin Elena Rutmann an der Aussenfassade des Gebäudes gefilmt; wir erleben sie auf der Leinwand als Einbrüche in die Kaserne selbst.
Es wäre schade, wenn diese rundum geglückte Produktion nach den zwei Aufführungen einfach in der Versenkung verschwinden würde.
Bericht zu „Bevor ich die Welt rette, muss ich noch ...“
Mit einer Don-Quijote-Variation endeten in der Kaserne die „Treibstoff“-Theatertage.
Worum soll es denn gehen? Nicht um den Text, erinnern wir uns mitten im Stück, sondern um die Umsetzung. Schauspieler und Regisseurin hätten als Fingerübung ebenso gut das Telfonbuch aufführen können. Silvester von Hösslein spielt seinen asketischen Don Quijote überzeugend, nicht nach der Vorlage von Cervantes, sondern nach jenen traurigen Figuren mit schwindender Vernunft und Gesundheit, die wir verstohlen in der Strassenbahn beobachten. Lasse Myhr spielt Sancho Pansa so selbstverständlich, er hätte nicht besser gecastet sein können: Er sprudelt von Witz und physischer Präsenz. Seine wunderbare Physiognomie setzt er schamlos ein. Und staunend erfahren wir, dass dieser talentierte Mensch noch mitten in der Schauspielschule steckt.
Im Übrigen hat die Regie das Spiel gut im Griff. Das Fazit fällt entsprechend leicht: Die Arbeit ist den Vorgaben der hiesigen Nachwuchsförderung mehr als gerecht geworden.